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Mit Lust gegen die Mächtigen

Ein Arzt, der im Zweitberuf zum Experten für Südafrika wurde. Ein sehr lesenswerter Artikel über Wolff Geisler von Klaus Pokatzky in "Die Zeit" vom 4. Juli 1986

Wolff Geisler. Ein Arzt, der im Zweitberuf zum Experten für Südafrika wurde.

Ein Artikel über Wolff Geisler von Klaus Pokatzky veröffentlicht in "Die Zeit" vom 4. Juli 1986

Das Original ist hinter einer Paywall, hier die auf archive.org archivierte Kopie.


COPYRIGHT: ZEIT ONLINE
ADRESSE: http://www.zeit.de/1986/28/mit-lust-gegen-die-maechtigen

VON Klaus Pokatzky | 04. Juli 1986 - 08:00 Uhr Von Klaus Pokatzky

Alles ist recht bescheiden im Hause Dr. med. Wolff Geisler. Ein allgemeinpraktizierender Arzt kann mit 45 Jahren für gewöhnlich ein etwas anderes Ambiente vorweisen als diese beiden Zimmerchen in Bonns ältester Wohngemeinschaft, gelegen in einem kleinen Einfamilienhaus mit großem Garten. Ein bescheidenes Bett; altersschwache Sessel; kunterbunt zusammengewürfelte Schränke und Regale, prall gefällt mit Aktenordnern, Büchern, Zeitschriftensammlungen. Sie symbolisieren den Zweitberuf des Doktor Geisler: den Experten für die wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Südafrika . Von internationalen Militärmagazinen bis zu Broschüren schwarzafrikanischer Widerstandsbewegungen, von vertraulichen Papieren aus den Vorstandsetagen deutscher Unternehmen bis zu offiziellen Regierungsdokumenten findet man hier alles.

Nur privaten Schnickschnack sucht man vergebens. Nicht mal zu einer anständigen Stereoanlage hat es Wolff Geisler in den 15 Jahren gebracht, die er hier nun lebt. Seit Anfang des Jahres baut er in Köln-Wahn seine eigene Praxis auf. Davor hat er jeweils zwei Tage in der Woche bei einem Landarzt in der Nähe von Bonn ausgeholfen, um sein Existenzminimum abzusichern. Den Rest seiner Zeit widmete er nur einem großen Thema: das südliche Afrika und wir. Eine eigene Praxis mußte er sich suchen, weil ihm der Landarzt den bequemen Hilfsvertrag voriges Jahr kündigte. Sein Ziel: Die Praxis nun möglichst rasch auf Vordermann zu bringen, bald einen Assistenten einzustellen – damit wieder Zeit fürs Politische bleibt.

Damit begann er 1971. Als junger Medizinalassistent und, nebenbei, Geschäftsführer
des „Deutschen Komitees für Angola , Guinea-Bissao und Mocambique“ stritt er für die Unabhänigkeit dieser afrikanischen Gebiete vom portugiesischen Kolonialherren. Auf Aktionärsversammlungen wetterte er gegen die Beteiligung deutscher Firmen am Bau des Cabora-Bassa-Staudamms, mit dem Portugal seine Herrschaft in Afrika ausbaute: „Beihilfe zum Mord“.

„Moskauer Spion“, „Arschloch“, „Raus“, feuchten ihn bei einer AEG-Hauptversammlung jene Mitaktionäre an, die ihre Wertpapiere erstanden hatten, um eine satte Rendite zu sehen, und nicht, wie Geisler und einige studentische Mitstreiter, um damit Politik zu betreiben. Cabora-Bassa erledigte die Geschichte: Nach der portugiesischen „Revolution der Nelken“ kam für die afrikanischen „Provinzen“ umgehend die Unabhängigkeit, und das schwarze Moçambique, eingedenk jahrzehntelanger bundesdeutscher Hilfe für die Kolonialisten in Lissabon , verbat sich jede Teilnahme von Vertretern der sozial-liberalen Bundesregierung an den Freiheitsfeierlichkeiten.

Nur ein Westdeutscher wurde eingeladen und durfte auf der Ehrentribüne Platz nehmen: Wolff Geisler, heftig umarmt vom neuen Staatspräsidenten Samora Machel. Als dann während der Parade ein paar hundert kleine schwarze Kinder vorbeizogen, hat er „Rotz und Wasser geheult“. Denn nun wußte er: „Gegen Säuglingssterblichkeit und Kindersterben wird jetzt endlich etwas getan.“

Er hatte schließlich Medizin studiert, „um herauszufinden, unter welchen politischen und sozialen Bedingungen die Menschen gesund leben können“. Sein politisches Aha-Erlebnis kam dann in der Apo-Zeit. Kommilitonen vom SDS erzählten ihm, die Bundesregierung liefere Düsenbomber an die portugiesischen Militärs. Das wollte er nicht glauben. „Das müßt ihr mir erst mal beweisen.“ Das war nicht schwer, und danach fing Wolff Geisler an, anderen zu beweisen, wie sehr, mal offen, mal heimlich, Politiker und Unternehmer aus der Bundesrepublik die weißen Herren am Kap unterstützen – und dabei selbst von der Apartheid-Politik und den billigen schwarzen Arbeitskräften profitieren.

Das war manchmal viel einfacher, als man sich das so vorstellt. Während deutsche Firmen und die Bundesregierung vehement Waffenhilfe an die Rassisten bestritten, brauchte Wolff Geister oft nur internationale Militär-Fachzeitschriften gründlich zu studieren – wo sich dieselben Firmen ganz offen mit ihren Geschäftsbeziehungen zum Kap brüsteten. Auch aus den Unternehmen selbst flossen immer mehr Informationen: von Mitarbeitern, die ein schlechtes Gewissen bekamen, wenn mit ihrer Hilfe auf schwarze Demonstranten geschossen werden konnte.

Was Wolff Geisler so erarbeitete, konnten andere für Kampagnen und Bundestagsanfragen nutzen: apartheidfeindliche Abgeordnete, die „Anti-Apartheid-Bewegung“, die „Informationsstelle Südliches Afrika“, der schwarzafrikanische „African National Congress“ ( ANC ). Manchmal mögen einzelne Vorwürfe von ihm im Detail nicht gestimmt haben, gelegentlich ist er sicher auch übers Ziel hinausgeschossen – aber die vielen Mosaiksteinchen, die er im Laufe der Jahre zusammengetragen hat, und deren Wahrheitsgehalt nach und nach von Unternehmern und Politikern eingeräumt werden mußte, ergeben ein bedrückendes Bild deutscher Hilfe für die südafrikanischen Rassisten.

1978 versuchte die sozial-liberale Regierung zu einem Gegenschlag auszuholen, um ihr negatives Image vor allem bei schwarzafrikanischen Staaten aufzubessern. In einer Broschüre, 51 Seiten stark, auf deutsch, englisch und französisch, bemühte sich das Bundespresseamt um „Widerlegung einzelner Vorwürfe“ der Anti-Apartheid-Bewegung, des ANC und Wolff Geislers, denen es ohnehin „nicht in erster Linie auf den Kampf gegen die Apartheid-Politik“ ankomme, sondern darauf, „die ideologische und politische Position in Afrika zu stärken“.

Darüber konnte Wolff Geisler, SPD-Mitglied von 1971 bis 1983, nur lachen. Denn die regierungsoffizielle Broschüre lieferte unfreiwillig eine Reihe von Belegen für just jene militärische Zusammenarbeit, die sie so vehement bestreiten wollte. Letztes Jahr hat er erfahren, daß die Firma Messerschmidt-Bölkow-Blohm ( MBB ), an der auch Hamburg und Bremen beteiligt sind, nach 1983 mindestens 18 Hubschrauber in die Republik Südafrika, den abhängigen „Bantustan“ Ciskei und das Nachbarland Lesotho geliefert hat.

Nach einer Strafanzeige einer grünen Bundestagsabgeordneten, „wegen Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz“, die derzeit noch bearbeitet wird, mußte MBB solche Lieferungen einräumen. Es handelt sich dabei aber um „rein zivile Hubschrauber“.
Die damalige Bundesregierung in ihrer Verteidigungsschrift von 1978 zu dem nun ans Kap gelieferten Helikopter-Typ: „Er kann – wie ein Auto – ebenso militärisch wie nichtmilitärisch genutzt werden.“

Ein paar hundert Mal, so schätzt Wolff Geisler, ist er bisher bei Diskussionen
und Protestversammlungen aufs Podium geklettert, hat bei Kichengemeinden, Gewerkschaftsgruppen, Studentenvereinigungen, aber auch auf internationalen Expertenseminaren und Anhörungen der Vereinten Nationen , die „Verbrecher“ von Siemens , Daimler-Benz, Rheinmetall und MBB angeklagt, die „Produkte nach Südafrika verkaufen, die Polizei und Militär gegen die Schwarzen einsetzten“. Manager der Düsseldorfer Rheinmetall sind ja auch tatsächlich kürzlich zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt worden, weil sie illegale Waffenschiebereien nach Südafrika betrieben hatten. Als strafmildernd werteten die Richter nach jahrelangem Prozeß die „halbherzige Kontrolle“ der zuständigen staatlichen Stellen beim Rüstungsexport.

Eine kleine Ermutigung im anstrengenden Zweitberuf von Dr. Geisler. Doch was er in den letzten Jahren so geleistet hat, kann ja ohnehin nur jemand schaffen, der über ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein verfügt. Anderen erscheint das gelegentlich wohl eher wie ein Kampf gegen die Windmühlen. Wolff Geisler ist immer ein Einzelkämpfer geblieben, hat große Schwierigkeiten, in einer Gruppe zu arbeiten, weil er sich nicht einfügen und nicht unterordnen kann.

Den Kampf gegen die Mächtigen in Industrie und Politik so zu betreiben, vermag man dann wohl recht gut und mit großem Lustgefühl, wenn man so erzogen wurde wie er. Seine Mutter stammt aus braunschweigischem Adel, der Vater starb im Krieg, als Wolff Geisler zwei Jahre alt war. Nach dem Krieg brachte die Mutter ihre drei Kinder als Töpfermeisterin durch. Während ihr Sohn Medizin studierte, ging sie auch auf die Universität, studierte Betriebswirtschaft, wurde schließlich Lehrerin an einer Berufsschule. Erzogen wurde Wolff Geisler in ausgeprägtem Elitedenken. Wie seine beiden Schwestern mußte er in den schwersten Nachkriegsjahren barfuß in die Schule laufen, wozu die Mutter sagte: „Anderer Leute Kinder können sich das nicht leisten, wir aber schon.“

Ein Onkel, aus baltischem Adel, war bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wegen der Beteiligung an Judenmorden zu dreißig Jahren Haft verurteilt, von den Amerikanern aber schon nach anderthalb Jahren begnadigt worden. „Als Antisemit und Edelfaschist“ kam Wolff Geisler dann zur Bundeswehr, „ungeheuer durchdrungen von dem Gefühl, zu einer Elite zu gehören“.

Die Wende kam beim Bund. Da erlebte er „diese ganz normalen Menschen, mit denen ich vorher gar nichts zu tun hatte, die dort lernten, was sie ihr ganzes Leben befolgen sollten: Befehlen zu gehorchen. Und die waren genauso wie ich, gar nicht schlechter, gar nicht dümmer“.

Über die Familie kann man ganz offen mit ihm reden, schwieriger wird es schon, wenn es um eine Motivforschung geht. Warum er das alles so macht, warum er auf jeden Wohnkomfort und Lebensluxus verzichtet und statt dessen in seiner Wohngemeinschaft lieber jederzeit Matratzenlager für Anti-Apartheid-Aktivisten bereit hält, ist mühselig zu erfahren. Karriere kann man so ja nicht machen, „Machtgeilheit ist nicht drin – vielleicht Himmelsgeilheit“. Denn an Gott glaubt er, auch, wenn er Kirchenlieder nicht in der Kirche, sondern in seinem Garten oder auf Feten singt.

Und als er für seine Praxis eine Sprechstundenhilfe suchte, mußte die eine Geisler- typische Prozedur über sich ergehen lassen. Der talentierte Schauspieler stellte sie bei dem zweieinhalbstündigen Vorstellungsgespräch hinterhältig auf die Probe: Ob es denn nicht richtig sei, wenn Privatpatienten bevorzugt würden. Nein, sagte Sabine, das sei ganz und gar nicht richtig, sie sei gegen jede Extrawurst aus sozialen Gründen. Dann zählte der Doktor Geisler im weißen Kittel hinterm Schreibtisch ganz ernst und nachdrücklich all die Argumente auf, die dafür sprächen, die hart arbeitenden Privatpatienten bevorzugt zu behandeln. „Die üben doch verantwortungsvolle Tätigkeiten aus und haben Besseres zu tun, als im Wartezimmer herumzusitzen.“

„Nein“, Sabine blieb hart. Und ganz zum Schluß, nach vielen anderen Themen, noch einmal der Doktor: „Aber mir wäre es sehr wichtig, daß Privatpatienten von meiner Sprechstundenhilfe bevorzugt behandelt werden.“

„Ich finde das aber nicht richtig.“ „Gut, dann sind Sie eingestellt.“

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